Ralf Benninghaus-Fliedner: Die Branche muss die Balance zwischen online und stationärem Handel finden.


Ralf Benninghaus-Fliedner

Ralf Benninghaus-Fliedner war 22 Jahre bei Fender tätig

Ralf Benninghaus-Fliedner ist European Sales Manger und Consultant der Cordoba Music Group. Musical Merchant hat den ehemaligen Fender Chef Deutschland zum Interview getroffen.

Wie kamst Du in das Business? Gab es eine Art Initialzündung, ein besonderes Erlebnis oder half Kollege Zufall dabei mit?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Ab dem 9.Lebensjahr habe ich die Jugendmusikschule besucht und habe dort ganz klassisch Querflöte spielen gelernt. Als ich dann 1971 im Alter von 15 Jahren das Gymnasium vorzeitig verlassen habe, wollte ich entweder Musik studieren oder zumindest etwas mit Musik zu tun haben. Da ich aber das Gymnasium ohne Abitur verlassen habe, musste ich meinen Traum, Musik zu studieren, leider schnell wieder aufgeben. Im gleichen Jahr ergab sich dann die Möglichkeit im damals sehr renommierten Düsseldorfer Musikhaus Jörgensen, eine kaufmännische Lehre zu absolvieren.

Du bist seit 46 Jahren im Business – was reizt, gefällt Dir immer noch an dieser Industrie?

Ralf Benninghaus-Fliedner: In den letzten 46 Jahren habe ich natürlich viele Trends kommen und gehen sehen: es entstanden neue Brands, alte etablierte Firmen wechselten den Besitzer und neue Musikrichtungen entstanden und verschwanden auch wieder. Es blieb jederzeit spannend und in all den Jahren habe ich die Freude, die ich auch heute noch empfinde, wenn ich einen Gitarrenkoffer öffne, nicht verloren. Ich hatte die ganzen Jahre das Glück, mich beruflich mit den Sachen zu beschäftigen, die auch mein Privatleben mitbestimmt haben.

Du hast u.a. für Gibson und 22 Jahre für Fender gearbeitet – wie bewertest Du jetzt Deine Tätigkeit bei der Cordoba Music Group?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Für Gibson direkt habe ich nie gearbeitet, sondern ich war einige Jahre beim deutschen Vertrieb Selmer in Düsseldorf angestellt, der in den 70er und frühen 80er Jahren Gibson, Selmer Blasinstrumente, Premier Schlagzeuge und einige andere Produkte im Vertrieb hatte. Mitte der 80er Jahre war ich dann für 9 Jahre bei der Firma ESP in Düsseldorf beschäftigt und habe als Verkaufsleiter den Vertrieb innerhalb Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgebaut. Gleichzeitig haben wir auch einen Custom Shop in Düsseldorf betrieben.

1995 kam dann Fender. Hier war ich, wie du richtig sagst, die letzten 22 Jahre in verschiedenen Positionen, zuletzt als General Manager für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Beneluxstaaten tätig.

Die Arbeit für Cordoba/ Guild ist völlig anders für mich als die Arbeit für Fender in den vergangenen Jahren. Zunächst einmal ist die Firma inhabergeführt, was mir persönlich wesentlich besser gefällt, als für Investoren zu arbeiten. Außerdem gefällt mir die Produktpalette der Firma CMG mit der Marke Guild, die ja lange im Vertrieb bei Fender war und die ich immer schon geliebt habe.

Warum siehst Du das (davon gehe ich aus) nicht als einen Rückschritt auf der Karriereleiter?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Als Fender im letzten Jahr die Entscheidung traf, alle Büros in den europäischen Ländern zu schließen, war das schon ein Schock für mich und alle Mitarbeiter. Damit hatte niemand gerechnet, auch wenn schon seit einiger Zeit ein anderer Wind in der Mutterfirma wehte.

Das Düsseldorfer Büro wurde zum 31.01.2017 geschlossen und ich wurde beauftragt, die endgültige Schließung und die Abwicklung mit dem Vermieter etc. zum 31.05.2017 zu managen und zu überwachen.

Danach hatte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren und nicht zuletzt bedingt durch die mehr als korrekte und großzügige Abwicklung seitens Fender mir gegenüber, die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was ich eigentlich in der Zukunft und in den verbleibenden beruflichen Jahren noch machen möchte.

Mit der Cordoba Music Group stand ich schon recht früh in Verbindung und nach einigen Skype-Calls und einem Besuch in Kalifornien im April war für mich klar, bei dieser Firma kann und wird es mir gefallen. Auch wollte ich nicht mehr als Angestellter arbeiten, sondern arbeite heute als Europe Sales Manager auf Consulting-Basis für die Firma. Ich betrachte das als Austritt aus der Welt des Corporate Business und als Wiedereintritt in die Welt der inhabergeführten Unternehmen. Nach all den Jahren in der Branche geht es mir nicht mehr um irgendwelche Titel und Karrieresprünge, sondern um die Freude an der Arbeit mit tollen Produkten und netten Menschen. So war es auch die ersten Jahre unter Bill Schutz bei Fender, die für mich die besten Jahre bei Fender waren. Somit für mich persönlich der richtige Schritt.

Welches Marktpotential siehst Du für die Marken Guild und Cordoba Guitars?

Guild ist eine der wirklich wenigen US Gitarrenmarken mit einer traditionsreichen Vergangenheit und war leider in den vergangenen Jahren nach dem Weggang von Fender in Deutschland etwas unterrepräsentiert. Das zu ändern, ist seit dem Sommer 2017 meine Hauptaufgabe. Der Markt ist sehr offen für die Marke Guild und wir kommen z.B. derzeit mit der Produktion der in den USA gefertigten Instrumente nicht nach. Auch steigen die Verkäufe der Instrumente aus der Fernost-Produktion ständig, so dass wir auch hier bei einigen Modellen Lieferschwierigkeiten haben und wir derzeit damit beschäftig sind, die Verfügbarkeit zu erhöhen.

Auch suchen wir nun einen kompetenten Außendienstmitarbeiter, der die täglichen Besuche bei den wichtigen Händlern übernimmt und weitere Händler akquiriert. Ich bin ja derzeit als „One Man Show“ für alle Guild-Bereiche unterwegs und möchte mich in Zukunft auch um den europäischen Vertrieb der CMG kümmern. Insgesamt sehe ich großes Potential für Guild und alle Marken der CMG innerhalb Deutschlands und Europas.

Cordoba ist die führende Marke in den USA bezüglich Instrumenten mit Nylonsaiten. In Deutschland wird sie von der Firma Noble Guitars in Nürnberg vertrieben, die wie ich sehe, seit Jahren einen guten Job macht und permanent daran arbeitet, Marktanteile in Deutschland zu erobern.

Wie ist der Vertrieb der Cordoba Music Group aufgestellt? (nat./internat.)

Ralf Benninghaus-Fliedner: Die Cordoba Music Group arbeitet in Europa im Prinzip mehrgleisig. Es gibt nach wie vor die klassischen Vertriebe, die von der CMG beliefert werden und die wiederum ihre Händler in den eigenen Ländern bedienen. Auf der anderen Seite beliefert die CMG die Händler in Ländern wie Spanien und Portugal mit allen Produkten direkt und in Deutschland und Österreich verkaufen wir Guild, HumiCase und DeArmond Pickups auch direkt an den Einzelhandel. Den Vertrieb für die Cordoba Gitarren in Deutschland hat, wie schon oben erwähnt, die Firma Noble.

Die E-Gitarre schwächelt – was sind Deiner Meinung nach die Gründe dafür?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Diese Situation habe ich in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrmals gesehen, jedoch ist es diesmal etwas anders. In den späten 70er und 80er Jahren schwächelten Gitarren im Allgemeinen, bedingt durch die zu dieser Zeit populäre Musikrichtung, die von Synthesizern geprägt war. Yamaha war mit dem DX7 am Start, alle Bands träumten von Synthesizern, wie dem Oberheim oder Prophet 5. In den 80er und 90er änderte sich dann der Musiktrend wieder in Richtung Hard Rock und Heavy Metal. So stiegen die Verkaufszahlen der E-Gitarren wieder und Firmen wie ESP, Jackson, BC Rich, und natürlich auch Fender, Gibson und Ibanez waren wieder voll dabei. Marken wie Guild oder auch Gretsch hatten schon immer ihre Liebhaber und waren eigentlich nie richtig betroffen.

Seit einigen Jahren erleben wir einen Trend hin zum Singer-Songwriter und die Akustikgitarren haben wieder an Marktanteil gewonnen. Große deutsche Stars, wie Marius Müller-Westernhagen und Peter Maffay, zeichnen Unplugged-Konzerte auf und gehen anschließend damit auf Tour.

Ich behaupte mal, dass heutzutage insgesamt mehr Gitarren verkauft werden als je zu vor, jedoch hat sich das Verhältnis zu Gunsten der Akustik-Gitarre verschoben. Mir kann das übrigens recht sein, denn wir bedienen ja beide Sparten mit den Instrumenten von Guild.

Nach über zwei Jahrzehnten bringt man Dich naturgemäß mit Fender in Verbindung. Was nimmst Du persönlich aus dieser Zeit mit?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Ich habe über all die Jahre bei Fender auf der Business Seite viel dazugelernt und sehr viele nette und kompetente Menschen getroffen. Ich habe bei der Nr.1 aller Gitarrenfirmen weltweit im GmbH-Gebiet an erster Stelle gestanden und gelernt, mit Druck umzugehen. Ich bin froh und dankbar, dass ich jemanden wie Bill Schultz oder auch Larry Thomas kennenlernen durfte. Menschen mit Visionen, die nie aus den Augen verloren haben, dass wir Hersteller von Gitarren sind und wir und unsere Familien davon abhängig sind, wie gut wir unseren Job machen.

Schon alleine wegen Deines neuen Jobs wirst Du Entwicklung und Ausrichtung von Fender verfolgen – mit welchem Gefühl?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Fender war und ist eine großartige Marke. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass ich nun nicht mehr für diese Marke tätig bin. Nach wie vor bin ich nicht sicher, ob die Entscheidung, alle europäischen Büros zu schließen und Fender aus England zu betreuen, eine gute Idee war, speziell in Hinblick auf den Brexit. Im Kopf habe ich mich schon sehr schnell von der Marke Fender verabschiedet und konzentriere mich auf meine neuen Aufgaben, aber ich wünsche Fender natürlich weiterhin eine gute Hand bei der Vermarktung ihrer Instrumente.

Als langjährige Branchenpersönlichkeit: Wie beurteilst Du Markt und Entwicklung? Wohin steuert die Branche? Woran krankt sie – und welches Potential schlummert (noch ungenutzt) in ihr?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Es ist schon oft darüber spekuliert worden, wie der Markt sich entwickeln wird und eigentlich möchte ich mich daran nicht beteiligen, denn meistens kommt dann doch wieder alles anders. Ich sehe den Markt ja auch nur durch meine „Gitarrenbrille“.

Ich denke seit Jahren ist das Hauptproblem der Branche, die richtige Balance zwischen online und stationärem Handel zu finden. Händler, die auf den stationären Handel setzen, müssen heute mehr Instrumente vorrätig haben als vielleicht in der Vergangenheit. Der Anspruch an die Qualität und Quantität der Instrumente in den Geschäften ist seit Jahren permanent angestiegen und jeder Händler steht, was Preis und Auswahl betrifft, zu jeder Zeit in Konkurrenz mit den großen Online-Händlern. Der Spruch „kann ich dir bestellen“ funktioniert nicht mehr, da das jeder Kunde genauso gut und meistens schneller kann. Ich persönlich genieße es, im stationären Handel zu kaufen und kaufe online nur, wenn ich die gewünschte Ware vor Ort nicht oder nur zu einem zu hohen Preis finde. In den Metropolen wird es immer große Händler geben, jedoch denke ich, dass das Überleben in kleineren Städten immer schwieriger wird.

Wie stehst Du in der neuen Position der Musikmesse gegenüber?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Mein erster Messebesuche war 1972 und somit war die Messe bis zum Ausstieg von Fender immer ein Teil meines Jahresplans. Durch die schnelllebige Zeit und den damit verbundenen schnelleren Informationsfluss hat die Messe im Bereich Transport von Informationen über Neuheiten seit Jahren verloren. Die Margen der Einzelhändler und auch vieler Importeure sind im vergangenen Jahrzehnt geschrumpft, jedoch sind die Kosten eines Messebesuchs von Seiten der Händler und die Präsentation auf der Messe von Seiten der Hersteller und der Vertriebe permanent gestiegen. Diese Veränderung ist bei der Messe leider zu spät angekommen und erkannt worden. Die Versuche nun eine andere Richtung einzuschlagen fruchten ja bisher nur zum Teil.

Generell bin ich kein Messegegner, aber eine Ausstellung und Teilnahme auf der Messe muss sich wirtschaftlich tragen und von Seiten des Marketings Sinn machen. Da bin ich mal gespannt, wie die Messe das in den nächsten Jahren hinbekommt.

Mittlerweile gibt es ja viele Hausmessen für den Händler und alternative Messen, z.B. das Guitar Summit in Mannheim für den Endverbraucher, die kostengünstiger und somit für jedermann erschwinglich und interessant sind.

Man kennt Dich als Gitarrist? Welches war das erste Lied, das Du auf einer Gitarre spielen konntest? Wer war Dein erster Hero? Wer ist Dein All-Time-Favourite-Gitarrist?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Auch wenn ich seit vielen Jahren Gitarre spiele, so habe ich in Bands in erster Linie immer Saxophon gespielt. Gitarre war dabei immer mein Zweitinstrument. Auf der Gitarre hatte ich mein Leben lang „Soloverbot“. Da ich heute nicht mehr aktiv in Bands spiele, hat sich das gewandelt und ich spiele zuhause fast ausschließlich Gitarre. Das erste Lied auf der Gitarre? Jetzt wird’s peinlich. „Venus“ von der holländischen Band Shocking Blue.

Richtige Gitarrenhelden außer Eric Clapton habe ich nicht. Es gab immer wieder Gitarristen, die ich phasenweise sehr gerne gehört habe. Seit einigen Jahren ist dies John Mayer. Eine Band, die ich seit der ersten Stunde liebe und bewundere sind die Eagles. Gitarren satt und ein Gesang, der nicht zu schlagen ist.

Kommst Du noch viel zum Spielen? (auch in einer Band?)

Ralf Benninghaus-Fliedner: Ich habe immer eine Gitarre neben dem Sofa stehen, aber es kommt auch vor, dass ich einige Tage gar nicht spiele. Ich einer Band spiele ich nicht mehr.

Musik ist das ideale Werkzeug, um Stress abzubauen. Was hilft Dir noch dabei?

Ralf Benninghaus-Fliedner: Meine Familie!  Außerdem habe ich mir vor ein paar Jahren einen Traum erfüllt und mir einen 1965er Ford Mustang gekauft. Bei schönem Wetter cruisen meine Frau und ich durch die Landschaft und sofort setzt eine Entspannung und Ruhe ein. Autofahren wie früher, ohne Schnick Schnack. Außerdem interessiere ich mich für mechanische Armbanduhren und lese hier regelmäßig die einschlägigen Magazine.

 

 

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